Resilienz-Radar
Vier Angriffe – ein Muster
Ausgabe August 2026

Die Bedrohung des hybriden Krieges gegen Europa ist real. Es vergeht kein Tag, an dem es in Europa nicht irgendwo kracht. Kritische Infrastruktur und Defence-Unternehmen scheinen im Fokus eines nicht erklärten Krieges zu stehen. Nicht alle Ereignisse sind zweifelsfrei zuzuordnen. Eines ist den Aggressoren allerdings gelungen: Das Gefühl der Verunsicherung wächst. Die Situation ist unübersichtlich und die politische Kakophonie zwischen rechten und linken Appeasement-Erzählungen steigert das Gefühl der Ohnmacht. Die Aufgabe für Kommunikatoren ist gewaltig.
Mit dem Resilienz-Radar wollen wir der gefühlten Unsicherheit entgegen wirken und einordnen, was für Kommunikations- und Public Affairs Profis relevant ist. Für den Zeitraum 1.–31. August 2026 haben wir eine möglichst vollständige Open-Source-Übersicht sicherheitsrelevanter Vorfälle in EU, EWR und Vereinigtem Königreich zusammengestellt. Wichtig: Nicht jeder Brand an einem Rüstungsstandort ist Sabotage — wir trennen deshalb bestätigte oder vereitelte Angriffe, Verdachtsfälle und nachweisliche Unfälle.
Physische Angriffe, Sabotage und relevante Verdachtsfälle
| Datum | Land / Ziel | Vorfall und Auswirkungen | Bewertung |
| 4.–5. Aug. | Deutschland – Flughafen Leipzig/Halle, ukrainische Antonov-Flugzeuge | Mit rund 600 g Sprengstoff bestückte Drohne im Sicherheitsbereich entdeckt; Zünder versagte. Ein weiterer Flugkörper beschädigte offenbar ein DHL-Flugzeug; später wurde eine dritte Sprengstoffdrohne im Umfeld gefunden. | Vereitelter Anschlag; Deutschland schrieb die Operation am 1. September offiziell Russland zu. Russland bestreitet dies. Quelle: AP · Guardian |
| Nacht 5./6. Aug. | Deutschland – Kabel-/Glasfaserinfrastruktur in Leverkusen-Manfort | Unbekannte öffneten einen unterirdischen Schacht und durchtrennten mehrere Leitungen. Rund 400 Haushalte hatten Telefonstörungen; Bahnverkehr nicht betroffen. | Mutwillige Tat; Staatsschutz ermittelt wegen vermutetem politischem Hintergrund. Täter und Motiv offen. Quelle: Welt/dpa |
| 10. Aug. | Bulgarien – EMCO-Munitionslager bei Belitsa/Tryavna | Ein Lkw-Brand griff auf Lagerhallen über und löste Explosionen aus. Keine Verletzten. | Ursache ungeklärt. EMCO schloss menschliches Fehlverhalten aus; Behörden hatten zunächst keine Belege für äußere Einwirkung oder Sabotage. Quelle: Adria Defense |
| 13. Aug. | Italien – KNDS Ammo Italy, Colleferro | Brand und Explosion im Bereich der Pulverpressen; 24 Beschäftigte in Sicherheit, keine Verletzten. | Nach bisherigem Ermittlungsstand kein Anschlag. Sabotage wurde früh ausgeschlossen; Hinweise sprechen für eine unbeabsichtigte Detonation im Produktionsprozess. Quelle: Zusammenfassung der Ermittlungsstände |
| Nacht 14./15. Aug. | Estland – Milrem Robotics, Tallinn | Vorsätzlich gelegter Brand in einem von dem Militärrobotikunternehmen genutzten Gebäude. Drei Tatverdächtige wurden in Lettland festgenommen; Produktion und Ukraine-Lieferungen blieben unbeeinträchtigt. | Vorsätzliche, vorbereitete Brandstiftung. Sabotagemotiv und russische Beteiligung werden untersucht, sind aber nicht offiziell festgestellt. Quelle: Adria Defense |
| 20. Aug. | Rumänien – Offshore-Gasprojekt Neptun Deep | Eine mit Sprengstoff beladene Seedrohne wurde wenige Hundert Meter von der Plattform entfernt entdeckt und von rumänischen Kräften neutralisiert. Mehrere Hundert Beschäftigte befanden sich auf der Anlage. | Konkrete Gefährdung kritischer Infrastruktur; Zielabsicht nicht abschließend bewiesen. Ukraine schloss nach rumänischen Angaben eine eigene Drohne aus; eine förmliche Herkunftsattribution steht aus. Quelle: AGERPRES/Verteidigungsministerium |
| 22.–23. Aug. | Deutschland – Bahnstrecke Backnang–Maubach | Mehrere Bahn-, Daten- und Kommunikationskabel wurden in einem schwer zugänglichen Schacht mit Werkzeug durchtrennt. Zugverkehr sowie Internet und Telefon waren beeinträchtigt. | Gezielte Beschädigung, Sabotageverdacht. Staatsschutz ermittelt; Täter und Motiv offen. Quelle: ZDF |
| bis 25./27. Aug. | Slowakei – Skyeton-Drohnenfabrik | Polizei stellte Brandmischung und einen Anschlagsplan sicher. Zwei Tatverdächtige wurden in der Slowakei, ein dritter in Hamburg festgenommen. | Vereitelter Brandanschlag. Die Verdächtigen handelten laut Ermittlern im Auftrag; der Auftraggeber wurde nicht benannt. Das Unternehmen beschuldigt Russland, jedoch ohne bestätigte staatliche Attribution. Quelle: Reuters |
| 24.–30. Aug. | Litauen/Tschechien – RSI Europe und CSG | Trauerkränze und mit schwarzen Trauerbändern versehene Fotos von Führungskräften wurden vor den Rüstungsunternehmen abgelegt. In Litauen wurde ein mutmaßlicher Überbringer festgenommen. | Gezielte Einschüchterungs-/Einflussoperation, kein physischer Anschlag. Zusammenhang zwischen beiden Fällen und möglicher ausländischer Auftraggeber werden untersucht. Quelle: Bericht mit Quellenübersicht |
| 30. Aug. | Polen – JFG Composites, Lublin | Rund 2.000 m² Produktions- und Lagerfläche eines Luftfahrtzulieferers zerstört; geschätzter Schaden rund 21 Mio. Złoty. Keine Verletzten. | Ungeklärter strategisch relevanter Brand. Ermittelt wird wegen möglicher Brandstiftung, technischen Defekts oder Selbstentzündung; bislang kein Beweis für Sabotage. Quelle: Brussels Signal |
| Nacht 30./31. Aug. | Polen – WB Electronics/WB Group, Skarżysko-Kamienna | Brand an einem Standort für Drohnenkomponenten; mutmaßliche Brandvorrichtung und Aufnahmen eines maskierten Eindringlings. Mindestens 15 Mio. Złoty Schaden, keine Verletzten. | Gezielte Brandstiftung/Sabotage. Ermittlungen wegen terroristischer Straftat und möglicher Tätigkeit für einen ausländischen Nachrichtendienst. Noch keine offizielle Länderattribution. Quelle: Euronews · Brussels Signal |
Zwischenbilanz
- Vier bestätigte oder vereitelte vorsätzliche Angriffe: Leipzig/Halle, Milrem, Skyeton und WB Electronics.
- Zwei gezielte Infrastruktur-Beschädigungen mit noch offenem Motiv: Leverkusen und Backnang.
- Eine unmittelbare, aber noch nicht abschließend zugeordnete Bedrohung kritischer Infrastruktur: Neptun Deep.
- Eine Einschüchterungsoperation: RSI Europe/CSG.
- Zwei ungeklärte Industriebrände: EMCO und JFG.
- Ein nach bisherigem Stand nicht mit Sabotage zusammenhängender Betriebsunfall: KNDS Colleferro.
Bedeutende Cyberangriffe im August
Eine wirklich vollständige Aufstellung sämtlicher Angriffe auf Unternehmen ist hier nicht möglich: Viele Firmen melden Vorfälle verspätet oder überhaupt nicht, und Einträge auf Ransomware-Leakseiten sind keine verifizierten Vorfälle. Öffentlich bestätigt oder hinreichend belegt sind insbesondere:
| Zeitpunkt | Ziel | Bekannte Auswirkungen / Einordnung |
| 29. Juli–1. Aug. | CEVA Logistics, Frankreich/europäische Lager | Acht europäische Lager betroffen; Lieferverzögerungen und möglicher Abfluss von Kunden- und Versanddaten bei bol.com, De Bijenkorf, Ajax, Ace & Tate und europäischen Steam-Hardwarekunden. Keine Attribution. Quelle: The Record |
| bis 12. Aug. bestätigt | MyDr, polnischer Gesundheitssoftwareanbieter | Unbefugter Zugriff auf historische Daten von möglicherweise 18,8 Mio. Menschen und mehr als 12.000 medizinischen Einrichtungen. Laufende Versorgung und nationales E-Health-System blieben funktionsfähig. Quelle: Polnisches Digitalministerium |
| 14. Aug. entdeckt | Berliner Landesnetz | Zwei Senatsverwaltungen zeitweise vom Netz getrennt; Internet- und E-Mail-Ausfälle sowie Verzögerungen bei Wohngeld und Sozialleistungen. Datendiebstahl und Erpressungsversuch; Rhysida bekannte sich dazu. Quelle: Berlin.de |
| August | Lettische Straßenverkehrsbehörde CSDD | Historische Zahlungsdaten von etwa 1,2 Mio. Personen und 200.000 Unternehmen/Organisationen betroffen. Dienste liefen weiter; CERT.LV und Strafverfolgung ermitteln. Quelle: CSDD |
| 24.–25. Aug. | Norwegische Digitalisierungsbehörde Digdir | Große DDoS-Attacke auf gemeinsame staatliche Dienste, darunter ID-Porten, elektronische Signaturen, Formulare, Steuer- und Verwaltungszugänge. Keine Datenkompromittierung oder offizielle Attribution. Quelle: BleepingComputer |
| 24.–25. Aug. | HIT Group, Slowenien | Sechs Casinos mehrere Tage geschlossen oder eingeschränkt; Kassen-, Spiel- und Kundenbindungssysteme gestört. Angreifer und möglicher Datenabfluss unbekannt. Quelle: Yogonet |
| Ende August / 27. Aug. bekannt | Manchester Airports Group, Großbritannien | Daten von rund 8,7 Mio. Kunden der Flughäfen Manchester, London Stansted und East Midlands betroffen. Keine Beeinträchtigung von Flugbetrieb oder Flugsicherheit; keine Zahlungsdaten. Quelle: Guardian |
| 13.–18. Aug. bekannt; Einbruch bereits Juni/Juli | Französische Steuerverwaltung DGFiP | Steuer-, Unternehmens-, Grundstücks- und teilweise Erbschaftsdaten entwendet. Der August war der Monat der Offenlegung und Krisenreaktion, nicht zwingend der Tatzeitraum. Quelle: Le Monde |
Nicht in die August-Kernliste gehört der Angriff auf einen kleinen britischen Stromerzeuger: Er wurde zwar am 23. August öffentlich, ereignete sich den Berichten zufolge aber bereits im Juli.
Aktuelle Berichte und Studien
- ICCT/GLOBSEC – Russia’s Crime-Terror Nexus, Update 2026: dokumentiert 151 bekannte Fälle zwischen Februar 2022 und Februar 2026; weist ausdrücklich auf erhebliche Dunkelziffern und nachträgliche Attributionen hin.
- Europol IOCTA 2026: Cyberkriminalität, Ransomware, DDoS und die zunehmende Überschneidung zwischen Cybercrime und staatlichen Hybridakteuren.
- BfV – Sicherheitshinweis für die Sicherheits- und Verteidigungsbranche, Juli 2026: unmittelbar relevant für Rüstungsunternehmen, Zulieferer und Forschungspartner.
- EU-Rat – Schlussfolgerungen zu hybriden Bedrohungen, März 2026: strategische EU-Bewertung zu Sabotage, Cyberangriffen, Einflussoperationen und kritischer Infrastruktur.
- Eurelectric – Battle-tested power systems: Verwundbarkeit und Resilienz europäischer Stromsysteme gegenüber physischen, Cyber- und hybriden Bedrohungen.
Ausblick
Der nächste Lagebericht erscheint zum 1. Oktober 2026 und wird die September-Fälle einschließen — darunter der noch nicht abschließend geklärte Vorfall im Umfeld von Rohde & Schwarz/Helsing in München sowie die Sabotageakte an den Umspannwerken bei Jänschwalde/Turnow-Preilack und Bergheim.
Über diesen Bericht
„Resilienz-Radar“ ist ein monatliches Format von Sieber Advisors für Unternehmen, die sicherheitsrelevante Entwicklungen in Europa faktenbasiert einordnen wollen. Hier im Blog finden Sie die Langversion der Analyse. In unserem LinkedIn Newsletter „Resilienz-Radar kompakt“ liefern wird die Analysen dazu – mit monatlich wechselndem Schwerpunkt. Wir unterstützen Organisationen zudem mit kompakten Krisensimulationen, um die eigene Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeit im Ernstfall zu testen.